Klaus Staib: Rockmusik und die 68er-Bewegung


„Rockmusik und die 68er-Bewegung“ sind zwei Phänomene, die in den 1960er Jahren untrennbar miteinander verbunden waren. Dabei muss Rockmusik als ein Medium begriffen werden, in dem politisch-ideologische Entwicklungsgänge auf musikalische Art vermittelt wurden.
In Anlehnung an die Definition des Rock-Lexikons wird Rockmusik im Folgenden als „Sammelbezeichnung für alle populären, aus der schwarzen Blues- und der weißen Country & Western-Tradition abgeleiteten Musizierstile nach dem Rock ’n’ Roll“ und somit als Oberbegriff verwendet. Dies bedeutet, dass auch Songs unter diesem Oberbegriff subsumiert werden, die man im engeren Sinn nicht mit Rock assoziiert.

"We Shall Overcome" stand am Anfang der Bewegungen der 1960er Jahre. Das Lied entstand in der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King und darf als Überbleibsel des größtenteils in Vergessenheit geratenen „Freedom Songs” betrachtet werden. Die Aufgabe solcher Freedom Songs war, die Teilnehmer von Protestmärschen mit einfach nachzusingenden Liedern psychologisch aufzubauen und zu stabilisieren. Dabei kam es nicht auf die Qualität des Stücks oder seiner Melodie, sondern auf die Verknüpfung von politischem Text und bekannter Melodie an. Beides sollte die Demonstranten bei ihrem Kampf um die Gleichberechtigung der Afroamerikaner in den USA aufrütteln und ermutigen.

Als Mitte der 1960er Jahre zwei Gesetzeswerke der Forderung der Civil Rights Movement nach Beendigung der Apartheid Rechnung trugen, zitierte Präsident Johnson während der Vertragsunterzeichnung eine Zeile aus Pete Seegers international bekannter Protesthymne: „… and we shall overcome“.

"Blowin’ In The Wind", nach wie vor eines der bekanntesten Stücke Bob Dylans, wird heutzutage mehr mit sentimentaler Lagerfeuer-Romantik assoziiert als mit einer Protestbewegung, die einst der Staatsmacht mutig die Stirn bot. Es gibt eine direkte Verbindung dieses Songs zum Berkeley Free Speech Movement vom Herbst 1964, der Wiege der internationalen Studentenbewegung: Einerseits hatte Dylan bereits im Frühjahr 1964 in Berkeley einen Aufsehen erregenden Auftritt und andererseits wurde "Blowin’ In The Wind" den rebellierenden Studenten unmittelbar vor der Besetzung des Universitätshauptgebäudes Sproul Hall („Go-in“) von Joan Baez vorgesungen.

Das Jahr 1965 stellte innerhalb der Protestbewegungen der 1960er Jahre eine Zäsur dar. Während sich in der Bürgerrechtsbewegung Ernüchterung breit machte, wurde der Vietnamkrieg in einer zweiten Phase in den USA und bald in der gesamten westlichen Welt inhaltlich zum beherrschenden Thema. Auch in der Geschichte der Rockmusik kam es 1965 zu einem Umbruch: Beeindruckt vom Erfolg der britischen Bands Beatles und Rolling Stones vollzog Bob Dylan den Übergang vom Folk zum Rock. Seinen Anhängern wurde dies beim Newport Festival von 1965 eindrucksvoll vor Augen geführt, als er mit einer Rockband auftrat und sich schließlich nicht ohne Bitterkeit mit der Zugabe "It’s All Over Now, Baby Blue" von der Protestbewegung verabschiedete.

Möchte man die deutsche Musikszene um 1968 in die Betrachtungen einbeziehen, muss der Oberbegriff Rockmusik auch auf die deutsche Liedermacher-Szene ausgedehnt werden. Obwohl nicht bestritten wird, dass es klanglich Welten sind, die Liedermacher-Folk von Rock trennen, verloren diese Differenzen in Teilen der politisch engagierten Studenten bei einer vornehmlich textzentrierten Rezeption an Bedeutung. Während in den Vereinigten Staaten Musik eine durchaus gewichtige Rolle innerhalb der Protestbewegungen der 1950er- und 1960er-Jahre spielte, fokussierte die – ab Mitte der 1960er-Jahre aufkommende – deutsche Studenten-bewegung ihr Augenmerk vorzugsweise auf politische Theorien, was Norbert Frei als „linke Theorieverliebtheit“ bezeichnete. Hannes Wader, der wie kaum ein anderer dem Waldeck-Festival im Hunsrück seine Karriere zu verdanken hatte, spricht in seinem Lied "Trotz alledem (Dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird)" einen wichtigen Aspekt zeitgenössischer bundesdeutscher 68er-Diskurse im Umfeld des SDS an: die Ablehnung der angloamerikanischen Pop- bzw. Rockmusik.

Die britische Studentenbewegung war weniger radikal als die Bewegungen in Frankreich, Italien oder der Bundesrepublik. Die Revolte im Vereinigten Königreich darf jedoch nicht auf „Swinging London“ reduziert werden.

Die Botschaften englischer Bands fanden bereits ab Mitte der 1960er Jahre international Beachtung. John Lennon schrieb 1968 mit "Revolution" ein Stück, in dem er direkt auf die internationalen Unruhen Bezug nahm. Zunächst war er sich nicht sicher, ob er sich für oder gegen die Bewegung entscheiden sollte. Die Schlüsselaussage lautete daher zunächst „you can count me out … in“ (mich könnt ihr nicht … oder doch zu eurer Bewegung hinzuzählen). Kurze Zeit später entschied er sich gegen die Bewegung, indem er das „in“ strich. Diese die Bewegung ablehnende Version wurde Ende August als Rückseite der Beatles-Single "Hey Jude" veröffentlicht und führte in der noch heißen Phase der 68er-Unruhen vor allem in den USA zu einem Aufschrei der Empörung. Eine ausführliche Mediendebatte setzte sich mit dem „Verrat“ des Rock-Musikers auseinander. Der Haupttenor lautete, dass sich der Millionär, der dieser nonkonformistischen Neuen Linken so viel seines Erfolges zu verdanken habe, besser hätte heraushalten sollen, wenn er schon glaube, von einer Kontribution an die Studentenbewegung Abstand nehmen zu müssen.

Peter Mosler spricht in seinem Buch "Was wir wollten, was wir wurden" die Enttäuschung an, die Lennons "Revolution" auch bei Studenten in der Bundesrepublik auslöste, nachdem der Beatles-Song immerhin „das Lied der ersten Stunde der Revolte“ gewesen sei.

Die Rolling Stones beschwichtigten in ihrem „Revolutions-Song“ "Street Fighting Man" ebenfalls, doch die Kritik behandelte sie, die mit dem Image des unangepassten Wilden ausgestatteten, gnädiger als ihre Liverpooler Kollegen. Mick Jagger entschuldigt sich in seinem Song dafür, dass er keinen politischen Beitrag beisteuern könne. Mit der Frage, was ein armer Junge schon anderes tun könne, als in einer Rock ’n’ Roll-Band zu singen, scheint er sich geradezu über die Bewegung lustig zu machen, da er keineswegs aus armen Verhältnissen stammte. Der Song erschien fast zeitgleich mit "Revolution" als Single-Platte in den USA, doch wurde er dort gleich wieder vom Markt genommen.

Nichtsdestotrotz gab es von da an kaum mehr eine Campus-Demonstration, bei der nicht "Street Fighting Man" aus den Lautsprechern dröhnte. In besagter Mediendebatte wurde auch der Stones-Song nicht von Kritik verschont, doch fielen die Urteile der Kritik etwas wohlwollender aus als bei den Beatles. Nur wenige Monate zuvor war die Stones-Single "Jumpin’ Jack Flash" von den Studenten des Pariser Mai zur Hymne der französischen 68er-Bewegung auserkoren worden, obwohl der Song keinerlei Botschaft enthält, sondern bestenfalls aufgrund seines Klangbilds zum Protestsong verklärt werden konnte.

Unmittelbar nach dem Dutschke-Attentat am 11. April 1968 schrieb der Liedermacher Wolf Biermann in Ostberlin "Drei Schüsse auf Rudi Dutschke", eine Ballade, in der er den Zeitungsverleger Axel Springer, den regierenden Bürgermeister Berlins Klaus Schütz und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger indirekt für das Attentat auf Dutschke verantwortlich macht. Der Anschlag auf Dutschke markierte den Auftakt zum Höhe- und Wendepunkt der studentischen Unruhen im westdeutschen Staat. Zwischen Biermann und Dutschke entwickelte sich nach dem gescheiterten Attentat eine intensive Freundschaft. Als Dutschke 1979 an den Spätfolgen des Verbrechens starb, spielte Biermann für die Trauergemeinde ein Lied mit dem Titel "Totenlied Rudi Dutschke".

Den USA standen die härtesten Auseinandersetzungen noch bevor, als in Europa der Höhepunkt der Revolte bereits überschritten war. Ein Toter und unzählige Verletzte waren sowohl in Chicago Ende August 1968 als auch in Berkeley im Mai 1969 zu beklagen. Die Ereignisse um den People’s Park in Berkeley inspirierten John Lennon, in Toronto sein "Give Peace A Chance" zu schreiben.

Die blutigste Tragödie in einer westlichen Demokratie fand jedoch im Mai 1970 an der Kent State Universität in Ohio statt. Nationalgardisten, die auf den Universitäts-Campus gerufen worden waren, um gegen demonstrierende Studenten vorzugehen, feuerten gezielt in die Menge. Vier Studenten im Alter von ungefähr zwanzig Jahren fanden dabei den Tod. Diese vier Toten der „Kent State Shootings“ werden von Neil Young in seinem Song "Ohio" besungen. Er hatte ihn unmittelbar nachdem er von den Schüssen in den Abendnachrichten erfahren hatte geschrieben.

Klaus Staib

Beatlemania!
50 Jahre Beatles! Wir feiern mit einem sensationellen Bildband von Fans für Fans, mit Insider-Stories, fantastischen Fan-Fotos, Dokumenten und Faksimiles.

1. Auflage 2010, ca. 140 Seiten, mit über 100 Fotos, Dokumenten u. Faksimiles
ISBN: 978-3-7844-3221-2
19,95 EUR D / 20,60 EUR A / 34,50 CHF (UVP)
LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.