Andreas Mand: Der Papst in Osnabrück


Ich stand im dunklen Saal und lauschte der schlecht ausgesteuerten Musik. Der Gesang war kaum zu verstehen, und die Beschwerden der Sängerin in den Pausen koppelten pfeifend zurück. Es roch nach Leder, Schweiß und Bier, und auf dem Weg zum Klo sah ich, daß der Mensa-Vorraum, den ich Tage zuvor nur mit Tesafilm hatte angreifen wollen („Koch go home!“) erheblich Farbe gewonnen hatte. Der Colaautomat war gestorben und das sterile Studentenklo kaum wiederzuerkennen. Ein Punk hing über dem Waschbecken und kotzte; ich war aber nicht in Gefahr, ihn für einen Boten der neuen Zeit zu halten.

Zurück im Konzertsaal kritzelte ich ich im Dunkeln auf meine üblichen gefalteten Zettel. Zu Hause hörte ich immer noch John Lennon, aber auf Punkkonzerten zu schreiben war auch sehr wichtig: Man kriegte Anstöße von allen Seiten...

Plötzlich stand Nora neben mir. In ihrer neu aussehenden schwarzen Motorradlederjacke schien sie besser in die Umgebung zu passen als ich. Aber als sie in der Umbaupause einen Punk um Feuer bat, bezeichnete der sie respektlos als „alte Hippie-Schlampe“. Woraufhin sie ihm stilsicher ins Gesicht rotzte.
Ich fühlte mich wohl, grinste wie unter Drogen, und ich fand die Stimmung, im Gegensatz zu Nora, auch nicht bedrohlich. OK, wenn die Pogotänzer geflogen kamen, achtete ich darauf, daß ich sicher stand, und manche waren ja wirklich rücksichtslos. Aber ich war immer drauf und dran, mich selbst ins Getümmel zu stürzen – nur nicht mit jedem.

Der Sänger der dritten Band stürmte nach unten und fing gleich an zu prügeln. Ein Dutzend Leute gingen dazwischen, er kletterte wieder auf die Bühne und misshandelte sein Mikro. Dann blieb ihm, und auch den Gitarristen, allerdings der Strom weg. Nur der Schlagzeuger konnte weitermachen, und das Publikum grölte die verkürzten Refrains mit. Ich dachte an Henner und seine Ablehnung von Elektrizität. Einerseits hatte er Recht, aber er hatte auch Unrecht, denn diese Musik war zwar gewalttätig, aber ganz bestimmt nicht kulturimperialistisch. Sie hatte etwas, das ich liebte, das ich brauchte, und das unsere kleine, akustische Band nie gehabt hatte.

Feuerzeuge wurden hochgehalten – vom Rand der Bühne gingen plötzlich Stichflammen hoch - , ich sah, wie Leute sie mit Spraydosen produzierten. Das war der Moment, an dem ich Noras Drängeln nachgab und doch lieber mit nach draußen ging.
Lange Zeit passierte überhaupt nichts, und als Nora in den „Garten“ wollte, um dort die vergleichsweise gepflegten Toiletten aufzusuchen, ging ich mit. Da merkte ich erst, wie radikal die Änderung gewesen war: Das Gefühl war wie eine Vollbremsung. Ich konnte die langsamen Studenten genauso wenig ertragen wie ihre langsame Musik, ich dachte, ich ersticke darin. Nora wurde sauer, aber ich wollte sofort wieder dahin, wo die Musik zwar wehtat, aber wenigstens wirkte.

Draußen begegnete ich Dagmar, die aufgeregt verkündete: „Das Schloß brennt!“ Noch immer standen die Leute im Innenhof, der Unterschied war nur, daß es viel mehr waren als vorher und daß es aus Türritzen und Kellerfenstern dezent qualmte. Ich sah Lederleute, die den Bauwagen im Hof aufbrachen, und andere, die den lächerlichen kleinen Holzzaun rund um den Rasen zerlegten und sich damit quasi bewaffneten. Es lief keine Musik mehr, ich würde es als erwartungsvolle Stille bezeichnen, aber dann hörte man aus der Entfernung die Martinshörner, und plötzlich entlud sich alles in einem einzigen Schrei.

Die Feuerwehr schickte zwei Behelmte, die unsicher die Lage peilten. Sie kehrten bald wieder um, und als sie zwei Minuten später den Innenhof betraten, hatten sie Verstärkung dabei und Atemschutzgeräte angelegt. Ich verstand nicht, was dran so schlimm war, aber ein paar Leute fingen aus Protest an, die Scheiben einzuwerfen. Wollten die denn das Schloß abbrennen? Und warum? Ping, ping, ping machten die kleinen Sprossenscheiben im Erdgeschoß.

„Machts Spaß zu arbeiten?“ schrie ein Punk in Richtung Feuerwehr, und als die Bullen kamen, sangen alle zusammen den Refrain des Extrabreit-Hits.

Panische AStA-Leute, die sich schon im Knast oder Schuldenturm sahen, Gerüchte von Brandstiftung-Kabelbrand-Kurzschluß weitergaben, mich behandelten wie einen kurzhaarigen Sachverständigen oder einfach nur Trost wollten... um Tabak baten und dann zu zittrig waren, selbst zu drehen... Zwei Punks schnappten sich den abgestellten Feuerlöscher, hievten ihn durchs Tor und legten die Straße unter Schnee.

Ich verließ den Schlosshof, die barocke Mausefalle. Ich war neugierig und fasziniert, aber ich wollte doch immerhin weglaufen können, wenn die Punks ihr Ziel erreichten. Noch kurvten die Peterwagen in respektvoller Entfernung, aber dann sah man die grünen Mannschaftswagen mit den Oldenburger Kennzeichen auffahren. Zwei oder drei Flaschen flogen einladend in ihre Richtung und zerplatzten auf dem feuchten Pflaster.
Als ich Weißhelme ausstiegen, wechselte ich unauffällig die Straßenseite. Vorsichtiger Abstand, aber letztlich war ich immer noch ziemlich nah dran. Die Bullen stürmten den Schlosshof, und ich konnte nicht sehen, nur hören, was da los war. Man hörte Leute schreien, noch mehr Glas splitterte, und dann rannten wieder welche aus dem Mauseloch.

Plötzlich stand Jürgen neben mir, atemlos aber doch amüsiert. Er keuchte: „Wir machen eine Hausbesetzung, machst du mit?“
„Willst du nicht warten, bis die wieder zuhause sind?“
Ich zeigte auf die schwitzende Staatsmacht, die prompt auf uns zustürmte; wir wurden kurz getrennt. Nach 10 Metern hörten sie auf, da blieb ich auch stehen. Ich dachte an die Chaplin-Filme und musste plötzlich lachen.

„Los, Pflastersteine!“ schrien die Handvoll Punks, die sich malerisch im Niemandsland bewegten. „Nicht abhauen!“ Dann die Sprüche, die sich auf 33 reimten.
Und dann wurde das Fenster der Universitätsbuchhandlung eingeschlagen und alle rannten los. Jürgen hatte was aufs Auge gekriegt und schimpfte unflätig, gleichermaßen auf die Polizei wie auf die „unfähigen“ Punks.

Ich ging nach Hause, nicht in den „Garten“, wo die Zeitlupen-Studenten eine echte Razzia bestaunten, und nicht in den „Tunnel“, wo Jürgens Hausbesetzung im Planungsstadium bzw. auf dem Kiffersofa versackte. Aber später war ich wieder auf der Straße, und auf dem Weg zum „Kommunikationszentrum“ blieb ich im stumm flackernden Blaulicht einer schier endlosen Reihe von Mannschaftswagen ungläubig stehen.

aus: „Kleinstadthelden“ (1996)
© Andreas Mand

Beatlemania!
50 Jahre Beatles! Wir feiern mit einem sensationellen Bildband von Fans für Fans, mit Insider-Stories, fantastischen Fan-Fotos, Dokumenten und Faksimiles.

1. Auflage 2010, ca. 140 Seiten, mit über 100 Fotos, Dokumenten u. Faksimiles
ISBN: 978-3-7844-3221-2
19,95 EUR D / 20,60 EUR A / 34,50 CHF (UVP)
LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.