Meine Jahre mit Jimi.


Mein Leben währt wahrlich schon lang genug, um ein Leben mit Jimi Hendrix gewesen zu sein, aber das ist es nicht gewesen. Ich war nie ein Hendrix-Fan. Nie hab ich mir eine Platte von ihm gekauft, nie einen Kauf auch nur erwogen; er war mir immer fern. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Mein Leben ist ein Leben ohne Jimi.

P.S.: Und doch: Jimi Hendrix hat es womöglich geschafft, sich untergründig einzuschleichen in mein Leben, hier & da, stets halbverborgen, maskiert, in homöopatischen Dosen. Und so dosiert hat er mich dann doch verfolgt, mit der Konsequenz des Todesboten. Aber der Reihe nach.

Im September 1970 muß es gewesen sein, daß ich am nachmittäglichen Kaffeetisch der Küche des elterlichen Bauernhofs die Rotenburger Kreiszeitung aufschlug und darin einen (meiner Erinnerung nach keineswegs kleinen) Artikel sah, mit Bild sogar, der vom Tode des Jimi Hendrix kündete. Nicht, daß ich gewußt hätte, wer das war: ich ging auf meinen zwölften Geburtstag zu, hörte, wenn’s hoch kam, Michael Holms „Auf der Straße nach Mendocino“ und einen glücklich vergessenen Ricky Shayne (oder gab’s den erst später?) und lebte in einer rockmusikfreien Welt. Um so erstaunlicher freilich, daß der Tod von „so einem“ in der ehrbaren Heimatzeitung vermeldet wurde. Bekanntlich war Hendrix nicht der einzige aus jenem Metier, der damals skanda¬lös früh zu Tode kam, aber ich kann mich nicht erinnern, etwas von Janis Joplin oder Jim Morrison gelesen zu haben, von Brian Jones mal ganz zu schweigen. Auch sonst weiß ich nichts mehr, was damals in besagter Zeitung gestanden hätte, mit Ausnahme einer klitzekleinen Meldung der Sportseite, die ich noch jahrelang aufbewahrte und auf der der Druckfehlerteufel einen Sieger in der „Nordirischen Kombination“ vermeldete. Aber eben: Jimi Hendrix. Seine Todesmeldung war meine erste Ahnung von der Rockmusik.

Zwischen 1970 und 1974 muß es gewesen sein, während meiner Zeit auf der zu recht so genannten Realschule, daß ich mir eine abweichende Sprachregelung angewöhnte. Wohl eher gegen Ende jener Zeit. Bei mir in der Klasse war jemand, der auf den schönen norddeutschen Namen Hinrichs hörte, und ich konnte mich nicht enthalten, diesen Mitschüler habituell „Peter Hendrix“ zu nennen; jener Gitarrero, mit dem ich mich weiterhin nicht im mindesten beschäftigte, war ergo für mich „Jimi Hinrichs“.

In den ersten Monaten des Jahres 1974 muß es gewesen sein, daß ich mit der gesammelten Klasse zu Gast im Hause unserer scheidenden Klassenlehrerin war: Frau Wille. Ich weiß nicht mehr genau, was wir da trieben, wahrscheinlich war’s eine Art Abschiedstreffen (die gute Dame zog weg, ins urbane Hannover), vielleicht war auch irgendein Geburtstag im Spiel. Nur eines weiß ich definitiv von jenem Treffen: in der Wohnung besagter Lehrerin stand ein Stapel Langspielplatten herum, und darunter war mindestens eine Scheibe von Jimi Hendrix, mit irgendwie angemufft designtem Cover. Ob wir die gehört haben, weiß ich nicht; welche es war, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, daß sie mich so wenig anzog, daß sie mich vielmehr schon fast wieder abstieß. Platten in den Sammlungen der eigenen Lehrer haben das selbstredend so an sich, daß sie grundsätzlich eher unattraktiv für Schüler sind, ein Umstand, der auch dadurch nicht aus der Welt geräumt wurde, daß jene Dame für damalige Verhältnisse vermutlich eine ausgesprochene Junglehrerin war, mit revolutionären Gedanken im Kopf und einem bärtigen Mann. Nein, ich fand einfach, Jimi Hendrix wär irgendwas aus der Vergangenheit, ein Relikt von irgendwas, womit ich nichts zu tun hatte. Was nun eben nicht mehr daran lag, daß ich nichts mit Rockmusik hätte anfangen können; als unsere Klasse im hannoverschen Landesmuseum zufällig den berühmt-berüchtigten Bata Illic („Micaé=là=a=a“) traf, gehörte ich keineswegs zu den Autogrammjägern, son¬dern hätte mir statt dessen Slade-Sänger Noddy Holder oder noch lieber gleich George Harrison gewünscht. Aber eine Hendrix-Platte? Museal.

Wohl nicht lange nach jenem Treffen muß es gewesen sein, daß ich Jimi Hendrix im Schulfunk hörte. Schulfunk, jaja, sowas gab’s damals noch, und überhaupt war das Radio ein Ding, wie es das heute nicht mehr gibt. Rockmusik kam nur ausgesprochen spärlich vor, aber wenn sie vorkam, dann wurde sie sehr ernsthaft und aufrichtig behandelt. Dieser erfreulichen Tat¬sache wurde auch dadurch kein Abbruch getan, daß eine ältliche Sprecherin die Herrschaften von Uriah Heep mal als „Örri-ha Hepp“ ansagte und dergleichen mehr. Aber man mühte sich halt. Und in irgendeiner pädagogisch durchdachten Sendereihe, in der es darum ging, das Wesen der Bluesmusik theoretisch & praktisch zu erläutern, wurde eines Tages Hendrixens „Red House“ durchgesprochen. „Ah yeah! / There’s a red house over yonder, / That’s where my baby stays / Lord, there’s a red house over yonder / Lord, there’s where my baby stays / I ain’t been home to see my baby / In ninety nine and one half days.“ Nein, den Text hab ich nicht seit damals im Kopf, sondern gerade aus dem Internet geklaubt, aber viel hätte nicht gefehlt, und ich wär zumindest die Refrainzeilen damals wirklich nicht wieder losgeworden. Rauf und runter, x- und aber-x-mal wurde das bescheidene Blueschen gedudelt und analysiert, was ich auch gar nicht uninteressant fand, aber der ideale Ansatz, sich für Herrn Hendrix zu begeistern, war der pädagogische Radiofuror eben doch nicht.

Ebenfalls zu jener Zeit muß es gewesen sein, daß mein Freund Klaus sich eine Hendrix-LP an die Wand nagelte, zur Zierde. Er hatte den Fehler begangen, eine dieser unzähligen Billigplatten zu erwerben, mit denen das Hendrix-Oeuvre damals aufgeschwemmt wurde: mit unsäglichen Live-Mitschnitten und Ausgrabungen aus Lehrlings- und Gesellenzeit nach dem Motto In the beginning oder Early Hendrix oder so ähnlich, gerne auch At his Best oder so übertitelt. Die Platte, die Klaus sich da gekauft hatte, hab ich nie gehört: als ich sie das erste Mal zu Gesichte kriegte, hing sie schon an der Wand, hübsch zerschmolzen durch den Einsatz von Feuer & Wärme, und Klaus beharrte darauf, das sei die einzige tolerierbare Nutzanwendung dieser Platte gewesen, als so schlimm habe sie sich beim Hören herausgestellt. Wohl spielte er gelegentlich mit dem Gedanken, sich die Platte noch ein zweites Mal zu kaufen, um mir und anderen Freunden zu beweisen, wie fürchterlich das Ding sei, allein es blieb beim Gedankenspiel.

Noch immer ungefähr zur selben Zeit, im legendären Jahr 1974, vielleicht freilich auch schon 1973, muß es gewesen sein, daß ich mit meinem nicht weniger legendären Tonbandgerät im Radio tatsächlich ein Jimi-Hendrix-Stück mitschnitt. Die Aufnahme hab ich noch und kann sie auf Verlangen vorweisen, gegen erhebliche Gegenleistungen, versteht sich. Es handelt sich um ein Hendrix-Stück, das mir ausnahmsweise ungemein gefiel, was freilich ursächlich damit zusammengehangen haben mag, daß es ein eher untypisches Hendrix-Stück ist. Es heißt „Captain Coconut“ und ist ein Instrumentaltitel, der Hendrixens originale Gitarre (in ungewohnt gefühliger Fragmenttechnik und psychedelischem Klanggewand) enthält, umgarnt frei¬lich vom Können irgendwelcher Instrumentalisten, die Hendrix nie in seinem schon beschlossenen Leben gekannt haben dürfte. Zu jener Zeit war den Herstellern von Hendrix-Platten nämlich aufgegangen, daß man mit dem immer beschleunigteren Auf-den-Markt-Werfen von Live-und-Murks-Platten das Publikum nur vergraulte und sich auf Dauer das eigene finanzielle Wasser abgrub. Also besann man sich und sattelte um auf eine edlere Art von Leichenfledderei: nicht fertiggewordene Hendrix-Einspielungen aus seiner gloriosen Zeit wurden klangtechnisch aufgemotzt und von irgendwelchen Studiomusikern raffiniert ergänzt und in mehreren Lieferungen dem sich langsam wieder neigenden Publico vorgesetzt. Eine dieser LPs hieß sinnigerweise Crash Landing und enthielt jenen Kokusnußkapitän, der mir noch auf Jahrzehnte meine einzige Hendrixfrucht bleiben sollte.

Im Jahr 1975 spätestens war’s, daß ich mich langsam von den Beatles und Cat Stevens und selbst den Love Sculpture abzulösen begann und statt Pop- und Rockmusik des Mainstream lieber krudes und krauses Zeugs hörte, das frühe Electric Light Orchestra etwa, ein bißchen Blues (vornehmlich in der eleganten Variante der Allman Brothers) und notfalls dann zwischendurch die Ur-Genesis, und als wahrscheinlich wichtigster und folgenreichster Kauf meiner kompletten Plattenkarriere ergab es sich dann, daß ich mir eine Scheibe mit mittelalterlich-fremdländisch klingender keltischer Harfenmusik zulegte: Renaissance of the Celtic Harp von Alan Stivell. Über zwanzig Begleitmusiker werden auf der Plattenhülle hergezählt, aber derlei schreckte mich selbstredend nie ab, ich las jede hinterletzte Zeile und stieß folglich auch auf den Chorsänger Jacques Hendrix. Ei, war das eine Entdeckung! Bei den Druiden hatte es derlei also auch schon gegeben, zumindest namentlich. Nur war die Musik halt ganzganz anders, als man sich das beim Familiennamen Hendrix so vorstellen mochte.

In der Folgezeit geschah’s, daß ich mich auch lesend mit der Musik zu beschäftigen begann, zunächst natürlich das Rock-Lexikon von Siegfried Schmidt-Joos und Barry Graves verschlang, mich dann aber sogar zum Jazz weiterhangelte. In irgendeiner der vielen Auflagen des Jazzbuchs von Joachim Ernst Berendt fand ich eine breite Eloge auf Jimi Hendrix, dabei aber auch den Hinweis, Hendrix habe vor seinem Aufbruch aus Amerika zur Freundin von Keith Richard gesagt: „Wenn du mich mit nach England nimmst, wirst du dann auch dafür sorgen, daß ich Eric Clapton treffe?“ Irgendwie verband sich das, schlimm zu sagen, mit der bei Nik Cohn aufgeschnappten Behauptung, Clapton spiele besser als Hendrix, tue nur nicht so auffällig und affektiert, und ich blieb auf meiner bescheidenen Liebe zu Clapton hocken – die sich freilich vor allem darin ausdrückte, daß mir Clapton als Begleitmusiker für den noch besseren Duane Allman gefiel. Die Layla-Doppel-LP der Clapton-Allman-Combo Derek & the Dominos legte ich mir zu und goutierte selbstredend auch die darauf zu findende Coverversion der Hendrix-Komposition „Little Wing“. Später, viel später ging mir dann auch noch die Sting-Version dieses Stückes zu, aber die fällt naturgemäß ab. „Little Wing“ als längliches Intro zu „Layla“, beides mit Duane Allmans Slide-Gitarre als Höhepunkt: das war, was es war, nämlich superb.

Im September 1976 war’s soweit, daß ich mich endlich eigenmündig radiophon betätigen durfte: als Preisträger der Woche durfte ich des legendären Dethard Fissen Studiogast in dessen „Treffpunkt für junge Leute“ des NDR sein und die zu sendende Musik auswählen. Naturgemäß wählte ich keinen Hendrix aus, sondern Jon Lord und Alan Stivell und die Allman Brothers und Focus und George Harrisons flippige indische Exotik. Fissen versuchte, mich dennoch auf den Leim zu locken, denn in dem Stapel neu hereingekommener LPs, den er mir wies und aus dem ich mir eine Platte eigener Wahl herausziehen durfte, war nach meiner Erinnerung wohl auch eine Hendrix-Scheibe. Ich wählte statt dessen Slippin’ Away von Chris Hillman.

Im September 1977 ist es gewesen, daß am Vorabend des zweiten großen Scheeßeler Rockfestivals im Kino meiner zuständigen Kreisstadt der Woodstock-Film lief. Natürlich zog ich mir den Streifen rein; natürlich ließ mich der Hendrix-Auftritt nicht ganz kalt: mit Zähnen & Zunge, oha! Und ich mußte zugeben, daß seine Version des Stückes, das er da zerfraß und zerschleckte, die beste mir bekannte war, wobei man freilich bedenken muß, daß ich ansonsten nur die Versionen von „Star Spangled Banner“ kannte, die bei den Siegerehrungen schnellster, höchster, weitester Olympioniken erklang. Im übrigen endete am Tage nach dem Woodstock-Film das Scheeßeler Festival ruhmlos-schmachvoll dann in Feuer & Flammen, und ich mußte zum Bund.

Irgendwann im schlimmen Jahr 1978 muß es gewesen sein, daß man auf meiner Dienststelle in der Kaserne munkelte, bei einem Ober- oder Unter- oder jedenfalls Feldwebel der Kompanie stehe daheim Rory Gallagher auf dem Stubenregal, in privatimen Fotos. Die Frau dieses Webels, so hieß es, sei früher die Freundin des Supergitarreros gewesen. Ach, du ahnst es nicht! Nicht, daß ich damals für Rory Gallagher hätte schwärmen mögen – für mich gehörte er (fälschlich, sehr fälschlich!) in eine Schublade mit solchen Typen wie Alvin Lee, dem Eddie Mercks der Elektrogitarre, und auch die irische Abkunft des Herrn half ihm in meinem Ansehen nicht wirklich auf; aber daß jemand das Schnuckelchen von Rory Gallagher gewesen sein konnte und sich nun mit einem Bundeswehrfritzen abgab... Nein, das war zu schlimm, als daß ich vorstehenden Satz jemals hätte beenden können. – Was einem dabei frei¬lich auffallen kann: es scheint häufig der Fall gewesen zu sein, daß sich begnadete Bluesrock-Gitarreros eine deutsche Freundin zulegten. Wurde nicht auch der tote Hendrix seinerzeit von einer blondmähnigen Deutschen hinterbleibend betrauert? Weiß jemand, was jene Dame heute macht? – Auf jeden Fall wünsche ich mir zumindest insgeheim, jene Offiziersgattin habe an jenem Tag, als Rory verschied, dann doch irgendwelchen Dingen nachgehangen, die sich nicht im Bewachen von Natodraht erschöpften.

(Die musikalisch gesehen noch schlimmeren achtziger Jahre überspringen wir mal lieber, ich überstand sie durch die Flucht in Folk und New Age und allerlei Undefinierbares.)
Irgendwann im November 1990 muß es gewesen sein, daß sich eine Redakteurin von Radio Bremen bei mir meldete und einen Essay zum bevor¬stehenden fünfzigsten Todestag des irischen Großschriftstellers James Joyce von mir geschrieben haben wollte. Nichts leichter als das. Ich drechselte etwas zum Thema „Umgang mit Joyce“, wozu auch ein Stück von Kate Bush gehörte, die sich durch Joycesche Textproduktion hatte inspirieren lassen: „The Sensual World“. Ich hatte das Bush-Stück schon auf Cassette, aber zur Vorbereitung der Sendung brauchte ich den gedruckten Text, darum schlich ich mich unverfänglich in einen nahegelegenen Plattenladen, erwarb die besagte Bush-LP und bat, sie mir zu versiegeln, da ich sie verschenken wolle. Man versiegelte wie erbeten, ich kopierte die Stelle mit dem unversiegelten Text und schleppte die Platte in den Laden zurück, und das einzige Problem bestand nun noch darin, für die erhaltene Gutschrift eine andere Platte auszuwählen. Was wählte ich da? Nein, natürlich keinen Hendrix – aber es geht schon in die Richtung, sozusagen. Ich leistete mir meine erste Scheibe von U2, nämlich das Doppelalbum Rattle and Hum. Gewiß, es gilt als Ausweis schlechten Geschmacks, sich zu U2 zu bekennen, doch mit derlei hab ich keine Schwierigkeiten, bin im Gegenteil in der Lage, jeden Gutgeschmäckler bei dieser Gelegenheit noch zusätzlich zu schocken. Scheibe 1, Seite 2 von Rattle und Hum beginnt nämlich mit der U2-Version von „All Along the Watchtower“, und ich erkläre seit eh und je und auch weiterhin jedem, der’s hören will, daß für mich dieses die beste existente Version des Dylan-Songs ist – besser als die von Neil Young und sogar ein bißchen besser als die von Jimi Hendrix. Jawohl! – Aber bitte weiter in der Musik, Scheibe 2, Seite 2 von Rattle and Hum: das zweite dort zu hörende U2-Stück „Bullet the Blue Sky“ beginnt textlich mit der Zeile „In the howling wind comes a stinging rain“, doch musikalisch vorgeschaltet sind, sozusagen zur Illustration des „howling wind“, genau 43 Sekunden aus der Woodstock-Aufnahme von „The Star Spangled Banner“, gespielt natürlich von jenem unverwechselbaren Herrn Jimi. Hier hatte ich nun also mein erstes Stück originaler Hendrix-Tonkunst im Hause, und das auf einer U2-Platte. Oha!

Im Januar 1991 dann war’s soweit, daß mein Joyce-Essay mit dem Kate-Bush-Einsprengsel gesendet wurde. Und der böse Hendrix-Fluch wirkte fort, jetzt heftiger denn je, aufgerührt gewiß durch den U2-Fauxpas. Der Bremer Weser-Kurier kündigte in seiner Radioprogrammspalte meinen Essay an als Sendung „Zum 50. Todestag des irischen Schriftstellers Friedhelm Rathjen“! Das ist wie bei der Mafia, wenn einer sagt: „Du bist ein toter Mann!“ Zur Untermauerung stand direkt über „meiner“ Gedenksendung die Ankündigung für eine Richard-Strauss-Sinfonie mit der Bezeichnung „opus post¬humum“; und direkt unter meiner Sendung ließ sich unschwer erkennen, welcher Fluch mir da nachhing, denn da gab’s eine Sendung mit einer Sopranistin namens Barbara Hendricks!

Im Mai selbigen Jahres ergab es sich, daß ich trotz widriger Umstände (der widrigste war, daß mir niemand die Reise zahlte) gen Amerika flog, um im idyllischen Oregon einer literaturwissenschaftlichen Tagung zum Werk Arno Schmidts beizuwohnen. Wohnen mußte ich vorher, weil die Flüge zum späten Zeitpunkt meiner Buchung nicht mehr frei verfügbar waren, ein paar Tage im nahen Seattle, was bekanntlich der Heimatort von Jimi Hendrix ist. Nun denn, das Hendrix-Museum existierte damals noch nicht, mithin frönte ich meiner Bildungssucht lediglich im Boeing-Flugmuseum; aber mein Gastgeber in Seattle war ausgerechnet ein Gitarrist, nämlich der damals ortsansässige Arno-Schmidt-Forscher Thomas Ringmayr. In einer späteren Fachpubli¬ka¬tion zum Thema „Arno Schmidt und die Rockmusik“ ließ ich mich deswegen dazu hinreißen, den „in Seattle wohnhaften Gitarristen und Hendrix-Nachfolger Thomas Ringmayr“ zu erwähnen, was mir vom Betroffenen eine böse öffentliche Replik unter dem Titel „Jimi, Arno und ich“ eintrug. Ringmayr ist nämlich der Jazz-Schule zuzurechnen und bewundert nach eigenem Bekenntnis „durchweg Verwender der akustischen Vollkörper-Jazzgitarren mit unentstelltem, wenn auch elektrisch verstärktem Naturton.“ Daß das mit Jimi Hendrix nicht zu vereinen ist, ist selbst mir klar; folglich darf ich mich wohl nicht beschweren, daß Ringmayr in seiner Replik Hendrix und mich in einem (freilich langen) Atemzug anpöbelt. (Nachzulesen ist die ganze unerquickliche Kontroverse im Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser 1993.)

Irgendwann in diesen Jahren muß es gewesen sein, daß ich zur Feier der Rückkehr meiner musikalischen Interessen zu den eigentlichen Gefilden der Rockmusik damit anfing, Belege zu sammeln für alle Arten von Querverbindungen zwischen Literatur und Rockmusik: also Songtexte, die auf literarische Vorlagen zurückgehen oder Dichter beim Namen nennen, literarische Texte, in denen rockmusikalische Dinge verhandelt werden, und ähnliches mehr. Nun denn, schauen wir also mal, was sich zum Thema Jimi Hendrix daraus ergibt – viel es ist nicht, wie ich vorab beichten muß. In Andreas Neumeisters schönem Erstlingsroman Äpfel vom Baum im Kies lesen wir über einen jungen Herrn: „Hat er die Beatles verachtet, höchstens Creedence Clearwater und so. Hat er Jimi Hendrix noch live gesehen und hat seitdem davon erzählt, bei diesem Konzert ist ein Roadie ständig damit beschäftigt gewesen, daß er die heißgespielten Endstufen auswechselt.“ Salman Rushdie hat einmal – allerdings nicht in einem seiner Romane, sondern in einer journalistischen Arbeit – über den Einfluß des Vietnam-Kriegs bemerkt, „daß nicht nur Soldaten, nicht nur General Waste-More-Land in Vietnam eingedrungen waren, sondern auch Jimi Hendrix, Sam the Sham und Frank Zappa“, und sein Interviewpartner Michael Herr setzte hinzu: „Die meisten Frontkämpfer, schwarze wie weiße, kamen aus der Arbeiterklasse. Für sie war der Krieg die Fortsetzung ihres Lebens auf der Straße. Der Rock’n’Roll besaß damals eine Allgemeingültigkeit, die er seit 1970 nie wieder erreicht hat. Irgendwie hat der Krieg den Rock’n’Roll nicht überlebt.“ Nun denn: ab September 1970 hatte der Krieg zumindest Jimi Hendrix überlebt. Und dann gibt’s, als dritte und schon letzte Frucht aus meiner Zitatesammlung, noch eine Stelle in Achim Szymanskis „Bravo bravo“, wo wir folgendes nachlesen können: „Janis Joplin, die Stimme aus der Flasche, ist tot. Jimi Hendrix, ein Neger, der die besten Aussichten hatte, zum Stevie Wonder des Hard Rocks zu werden, wird nie wieder Gitarre spielen. Nie wieder zieht Jim Morrison auf offener Bühne an seinem Dödel. / Kurz ist die Zeit, die Ihr zum Singen habt; kaum zu der Mund, schon ist man tot. Aus dem erlöschenden Feuer Lou Reeds und Joe Cockers sproß ein Jüngling, siehe, und es war Tom Waits.“ Tom Waits, nun ja: gehört der noch zum Thema Hendrix? Und Szymanski, nun ja: gehört der noch zum Thema Literatur?

Irgendwann gegen Mitte der neunziger Jahre muß es gewesen sein, daß ich meinen Freund Clemens Eich in Hamburg besuchte und er mir punktuell aus seinem Elternhaus erzählte. Na, Elternhaus ist gut: immerhin war er der Sohn von Günter Eich und Ilse Aichinger, kein Wunder also, daß Clemens schließlich selbst zum Schriftsteller wurde. Aber Schriftstellerei ist etwas für reifere Jahre; als Sechzehnjähriger, so vertraute Clemens mir an, sei er von zuhause abgehauen und auf die Isle of Wight getrampt zum wahrhaft legendären Festival. 1970 muß das gewesen ein. Isle of Wight? Ach ja, Clemens hat ihn spielen sehen, den guten Jimi, über den alle was wissen wollen und über den ich nichts weiß. Und auch von Clemens ist nichts mehr zu erfahren. In einem seiner Gedichte lese ich was von Erinnerungen „an Brian Jones“; in einem zweiten bedichtet er Ten Years After (Alvin Lee, o je!), in einem dritten kommt was „cross the Mersey“, und da sind wir dann bei Gerry & the Pacemakers tief in den Anfängen der glorreichen sechziger Jahre. Kein Hendrix, nirgends.

So also muß es alles gewesen sein, und so ist es noch gewesen, als mich während der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2001 der dreiste Frank Schäfer von der Seite anquatschte und mir auf erpresserische Weise etwas über Jimi Hendrix abverlangte. Nein, meine Jahre mit Jimi waren Jahre ohne Jimi.

Was aus allem geworden ist? Fragen Sie lieber nicht! Der Verbleib von Bata Illic wie von Noddy Holder ist mir komplett unbekannt; George Harrison erlag seinem Krebs. Der Schulfunk ist am Infantilismus des Radiophonen verendet, die Vinylplatte an Digitalisierung der Tonträgerwirtschaft. Cat Stevens ist fundamental schrecklicher Islamist geworden, Love-Sculpture-Gitarrist Dave Edmunds spielt nur noch Hillbilly-Zeugs, Lockenkopf Alan Stivell hat eine Glatze. Duane Allman fiel vom Motorrad und brach sich das Genick oder sonstwas Lebenswichtiges; Eric Clapton hat sich in den Hitparaden vergraben. Dethard Fissen hatte einen leichten Unfall auf der Autobahn, übrigens in meinem Landkreis, und lief vor Schreck vor den nächst heranpreschenden Wagen, tödlich. Rory Gallagher, Ire und Bluesheld noch im Tode, krepierte an einer zuschandengetrunkenen Leber. Creedence Clearwater gehen ohne die Fogertys auf Tour, da könnten eigentlich auch die Beatles wieder touren, mit Ringo plus Studiomusikern. Frank Zappa ist töter als Saigon in dem Moment, als der letzte US-Hubschrauber von der Botschaft abhob. Clemens Eich stürzte in Wien von einer Treppe, lethal. Und Jimi Hendrix? Er lebt noch, jede Wette, und wird mir weiter nachstellen mit seinem schleichenden Gift, mit seinem heimlichen Fluch! Nein, eine Hendrix-CD werde ich mir nicht kaufen! Ja, die U2-Version von „All Along the Watchtower“ bleibt für mich die beste! Nein, die Hendrix-Fassung von „House of the Rising Sun“ will ich nicht hören! Rory & Duane forever!

Friedhelm Rathjen –- rejoyce@gmx.de
Geschrieben für: Frank Schäfer (Hg.): A Tribute to Jimi Hendrix. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2002, S. 199-198

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LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.