Von Get Back zu Let It Be
Was ist Realität? Die Schnittmenge all unserer eigenen kleinen Universen? Oder gibt es die eine, beweisbare Realität? – An dieser Stelle verlassen wir die Untiefen philosophischer Grübelei und antworten mit einem Taxifahrer, bei dem ich mal in Köln im Wagen saß: „Dat stimmt, dat han isch im Fernsehen jesehen.“
Gegen die Beweiskraft von Bildern ist tatsächlich schwer ankommen. Wir alle haben im Film "Let It Be" gesehen, wie sich vier ausgelaugte Rockstars gegenseitig anöden. Daneben eine sphinxhafte Yoko Ono, deren mal stumme, mal kreischende Präsenz das Gleichgewicht des Männer-Kleeblatts ins Wanken bringt. Seitdem wissen wir: Paul hat George vorgeschrieben, was der auf der Gitarre spielen soll. Und Yoko ist schuld. Irgendwie.
Aber stimmt das so? Klar, sagen wir, haben wir im Fernsehen gesehen. Video-Beweis! Paul war oberlehrerhaft. George war genervt und verließ vier Tage später für kurze Zeit die Band. Selbst Paul glaubt heute, dass dies unmittelbar mit dem Streit im Film zu tun hatte. Fiktion schlägt Realität. Das Problem: Im Film "Let It Be" wird die Auseinandersetzung gezeigt, aber nicht, wie sehr Paul (und später auch John) sich in den nächsten Tagen bemüht, auf George einzugehen. Und eine Bemerkung John Lennons aus einem ganz anderen Zusammenhang wurde so dahinter geschnitten, dass es wirkt, als hätte John für George Partei ergriffen. In Wirklichkeit hat John vor allem zu gewissen Substanzen gegriffen und saß an einigen Tagen in Twickenham nur verspult an der Gitarre und ließ, wenn überhaupt, Yoko für ihn reden.
Selbst dieses fünfte Rad am Wagen muss nicht zwingend der Scheidungsgrund gewesen sein. Paul nimmt die beiden siamesischen Zwillinge gegenüber den anderen in Schutz und meint, wenn die zwei ständig zusammen sein wollten, müsste man dies akzeptieren. Doch er gibt auch zu, dass Yokos Daueranwesenheit ihn davon abgehalten hat, gemeinsam mit John zu komponieren. Mannomann. Ohne Yoko hätte es also vielleicht ein paar klassische Lennon/McCartney Kooperationen mehr gegeben!
So, und woher weiß ich das alles? Von Beat Stories-Kollege Friedhelm Rathjen, denn der war masochistisch genug, sich die ungeschnittenen Originalbänder der „Get Back“-Sessions komplett anzuhören und den Inhalt zu dokumentieren. Sein Buch über den Anfang vom Ende der Beatles heißt "Von GET BACK zu LET IT BE" und erzählt die ungeschnittene Realität. Wobei er notgedrungen vieles zusammenfasst. Es ist also seine Deutung der Realität. Nicht objektiv - aber plausibel.
Fazit: Die Beatles-Geschichte muss nicht neu geschrieben werden. Paul war das fröhliche Arbeitstier und nach Brian Epsteins Tod der Impulsgeber, manchmal nervend mit seiner musikalischen Überlegenheit, aber, hey, er hatte nun mal die Hits im Gepäck. John war gelegentlich bissig und verletzend, oft herrlich albern und komisch, dann wieder völlig weggetreten, mal genial und initiativ, mal völlig überfordert. Er wollte das Beatles-Ding nicht beenden („wenn George bis Dienstag nicht zurück kommt, holen wir Eric Clapton“). Und er hatte Yoko im Gepäck. George war frustriert davon, als Songschreiber ständig untergebuttert zu werden. Er hatte keine große Lust mehr, ein Beatle zu sein. Er war skeptisch bezüglich einer Live-Show und hatte mit Wonderwall und Indien erlebt, dass es ein Leben außerhalb der Abbey Road Studios gab. Und Ringo? Der war eben Ringo. Immer locker und loyal. Gerne trommeln, wenn das Wochenende frei bleibt. Aber auch er hatte mit seiner anlaufenden Filmkarriere eine Alternative zu fruchtlosen Sessions mit den auseinanderdriftenden Fab Four.
Doch gab es laut Friedhelms Protokoll viel zu lachen und einzelne Tage in bester Stimmung. Interessant nachzulesen sind auch die Aspekte, die im Film nicht vorkommen. Die eitle Geschwätzigkeit des Regisseurs Michael Lindsay-Hogg, die endlosen Diskussionen um mögliche Auftrittsorte (Afrika, Kreuzschiff, U-Bahn, bei George zuhause), die Hilflosigkeit der Techniker bei Rückkopplungen oder beim Besorgen von Equipment. Man denkt sich, das kann doch nicht sein. Die berühmteste Band der Welt will ein paar Songs aufnehmen und es kann nicht mal ein Achtspurgerät aufgetrieben werden. Oder ein vernünftiges E-Piano. Die Arbeitsbedingungen waren aus heutiger Sicht völlig amateurhaft. Ach, könnten wir doch aus den heutigen Milliardenlöchern noch ein Stück abzwacken und den Beatles mit einer Rücküberweisung in die Vergangenheit ein paar ordentliche Verstärker hinstellen. Aber halt - dann müssten die Geschichte tatsächlich umgeschrieben werden. Lieber nicht. Wo wir doch jetzt genau wissen, wie alles ablief, denn: dat stimmt, dat ham wer jelesen.
Leseempfehlung: Friedhelm Rathjen: Von GET BACK zu LET IT BE (Rogner & Bernhard)
BEATLES IN TAHITI

4.8.2010
Liebe Freunde,
passend zur Urlaubszeit hat Dominik Schott ein kleines Beatles-Ferien-Special geschrieben. Und ich habe im Netz zwei seltene Fotos dazu gefunden.
Viel Vergnügen und Good Day Sunshine,
Thomas Kraft
FOREIGNER: JUKE BOX HERO
Beatlemania!

1. Auflage 2010, ca. 140 Seiten, mit über 100 Fotos, Dokumenten u. Faksimiles
ISBN: 978-3-7844-3221-2
19,95 EUR D / 20,60 EUR A / 34,50 CHF (UVP)
LangenMüller
Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.
Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.


