Lucy Fricke EIN DRITTEL HEIZÖL, ZWEI DRITTEL BENZIN (Slime)


Ich war fünfzehn und fing gerade erst an wütend zu werden. Es lag alles unten im Keller. In einer Plastiktüte verstaut die Garderobe in schwarz, roch nach Bier und Schweiß, heimlich umgezogen, damit die Mutter nicht umkam vor Sorge. Von Heizöl und Benzin verstand ich nichts, bloß die Steine in den Taschen, immer schön die Argumente von den Straßen gesammelt. Hamburg-Ost, Ende der 80er, aus den Nachbarskindern wurden Dealer und ansonsten wurde auch nichts besser. Eine Hülse Holsten in der Hand und auf die Gleise gespuckt, hier kam man sowieso nicht weg. Aus dem Haus geschlichen, die Kapuze tief ins Gesicht und immer schnell auf den Beinen. Die Eltern sahen nichts, ich hielt sie überhaupt für blind, wie ich eigentlich jeden für blind hielt.

Es ging um die Hafenstraße, die Rote Flora, um Freiheiten, um das Asylrecht meinetwegen, es ging ums Störtebeker, ums Onkel Otto, es ging um vieles damals und meistens um dasselbe. Ich lernte zu schreien, ich lernte das Rennen durch Hinterhöfe, das Klettern über Gitter, das Abrollen und Saufen. Und immer war Musik da, Boxen auf all den Wagen und wenn die weg waren, gab es Sirenen, die einen Lärm machten, dass ich es im Schlaf noch hörte. Wurde es still, wachte ich auf. Wie Truppen standen sie, die Schutzschilde, die Helme, und wir rannten und brüllten, nur ein Tuch um den Kopf gewickelt, bestenfalls Stahlklappen in den Schuhen.

Wenn ich die Bullen seh' mit Knüppeln und Wummen
Jedesmal sind wir die Dummen
Die nehmen uns fest, stecken uns in den Knast
Doch das steigert nur unseren Hass
Der kannte keine Begrenzung nach oben, das Land war eigentlich schon eine Nummer zu klein, doch das System ließ sich ausdehnen und das Land hieß auch nicht Land, sondern Staat, was sich gleich eine Nummer größer anfühlte.

Wir standen über Stunden vor dem Bahnhof Holstenstraße, an dem an diesem Nachmittag keine Züge hielten, überhaupt war die ganze Gegend abgeriegelt, man kam weder rein noch raus, die Straßen gesperrt, der Kreis um uns eng, Kessel eben, nicht der berühmte Hamburger Kessel, der war ein paar Jahre früher und über die folgenden Kessel wurde dann so viel nicht mehr geschrieben. Es war ein stundenlanges Fixieren, ein Ausdörren in der Augusthitze, selbst in Hamburg kam das vor. Die Münder trockneten aus, in den geballten Fäusten sammelte sich der Schweiß, wir begannen uns nach Wasserwerfern zu sehnen. Doch sie machten uns einfach nur mürbe, in der Mitte kollabierten die ersten und wir starrten einander an, sie uns in die Augen und wir in die Visiere, in denen langsam die Sonne unterging und schön war das nicht.

Die Bullen gaben zuerst auf, sie knickten ein, wie wir dachten, gaben eine Schneise frei und wir rannten, wie wir ständig rannten in dieser Zeit und dann zogen sie doch die Knüppel, schneller als wir es sahen. Es gab kein Entkommen, sie ließen uns aus dem Kessel, weil sie vorbereitet waren, sich in jeder Straße, in jedem Durchgang postiert hatten. Hinter jeder Ecke war es grün.

Dies ist ein Aufruf zur Revolte
Dies ist ein Aufruf zur Gewalt
Bomben bauen, Waffen klauen
Den Bullen auf die Fresse hauen

Es kam anders. Sie waren organisiert, sie waren ausgerüstet und sie waren mehr. Während die eine Hälfte von hinten trieb, wartete die andere Hälfte vorne auf ihren Einsatz. Ich lief mehr zurück als vor, den berühmten Hasen gegeben, dachte noch, dass sie keine Frauen schlagen, oder wenigstens keine Kinder, doch das eine war ich noch nicht und das andere nicht mehr. Die Knüppel von zwei Seiten in einem Hofeingang, mein Rücken schmal, für Schläge aber breit genug. Ich kotzte vor Schmerz oder Erschütterung oder Angst, kotzte mir auf die Schuhe und rutschte eine Treppe hinab, blieb liegen vor einer Kellertür. Wenigstens nicht der Kopf, wenigstens den haben sie nicht erwischt, der war mir wichtig. Würgend hockte ich am Ende der Stufen, hörte Sirenen, Geschrei und das dumpfe Geräusch vom Eindreschen der Gummiknüppel ein paar Meter weiter oben, als plötzlich jemand auf mich fiel, dessen Gesicht ich vor lauter Blut nicht sah. Das Blut lief über seine Stirn, in die Augen und ich konnte die Wunde in seinem nassen Haar nicht finden, sein Kopf in meinem Schoß. Er atmete schwer, doch immerhin, hielt sich fest an meiner Hand, und ich hatte das Gefühl, uns könne nie wieder etwas passieren, wenn wir so blieben, wir könnten gemeinsam eine Revolution anzetteln, die Anarchie ausrufen, die Welt retten.



Beatlemania!
50 Jahre Beatles! Wir feiern mit einem sensationellen Bildband von Fans für Fans, mit Insider-Stories, fantastischen Fan-Fotos, Dokumenten und Faksimiles.

1. Auflage 2010, ca. 140 Seiten, mit über 100 Fotos, Dokumenten u. Faksimiles
ISBN: 978-3-7844-3221-2
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LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.