Franzobel: Der gute Mensch aus Essex Oder vom Traum, die Welt zu ändern: Billy Bragg



Ich bin in einer spröden, ländlichen Gegend aufgewachsen, wo knorrige Bäume in nebelverhangenen Feldern oder auf braunen, mit Raureif bewachsenen Wiesen stehen, die Menschen verwurzelte Gesichter haben, aus denen Wörter wie oidamlang, oidfaderisch, oarschwarm, Dreaschen, Dedern oder Zwidawurzn kommen. Wo man B’s als W ausspricht wie umgekehrt, man statt Leberknödel Löwerknödel sagt und Löbe statt Löwe, Möwe sind Möbelstücke und Möbe der Vogel. Und beim Telefonieren sagt man, morgen rühre ich mich wieder – so, als ob man sich bis dahin nicht bewegen würde, man versteinert wäre in der eigenen Sprachlosigkeit, einem Panzer aus Komplexen, Minderwertigkeitsgefühlen.

Die Ortschaften liegen nicht in England, zeugen aber trotzdem von einer irischen Missionierung und heißen: Wankham, Redlham, Hankham, Watzing, Rackering, Egg, Wels, etc. Einer Gegend, wo man kleine Zwetschken, Kletzen, Zirben oder Vogelbeeren destilliert, Bauernschnapsen spielt, rote Schnapsnasen wie Schubkarren mitten im Gesicht trägt und ein Schnaps vor allem eines können muss, die Gurgel runter fahren wie die Feuerwehr zum Brand. Einer Gegend, wo auf den Wartehäuschen der Busstationen Pink Floyd oder The Who stand, Jugendliche mit aufgenähten Rolling-Stones-Zungen an ihrem Parker herumliefen oder Kiss mit zwei Runen-S auf ihre Schultaschen geschrieben hatten. Einer Gegend, in der man nur vom Essen sprach: Hast du schon etwas gegessen? Wirst du etwas essen wollen? Was? Und wann? Einer Gegend voller Häuslbauer, Zweiterbildungswegkomplexler, Parteibuchsozialisten, in der man zwar Kinderbasare und Weihnachtsmärkte für den guten Zweck veranstaltete, sonst aber keine sozialen Anliegen verfolgte. Hier kam Punk nie hin, höchstens als Mode – und auch das zehn Jahre zu spät.

In dieser Gegend war der Schnaps nichts Kulinarisches, sondern desinfizierende Medizin und Mittel zum Vergessen. Musik war Berieselung und Lesen unanständig. Bücher hatten was Gefährliches, brachte die Söhne auf abenteuerliche Gedanken, hielt sie davor ab, die Geschäfte ihrer Väter fortzuführen. Lesen hinderte sie am Kinderkriegen, am Groß- und Starkwerden, lockte sie in die Stadt, entwurzelte sie, vernebelte ihren Geist. Bücher, so dachte man da in dieser knorrigen, verschnapsten Gegend, Bücher bringen das Verderben, Bücher sind die Werkzeuge des Teufels. Und Musik? Tonale Beschneiung.

So bin ich aufgewachsen, früh verdorben, immer schon den Büchern zugetan, nie dem Schnaps, nur etwas der Musik. Einmal freilich, in einer Bar mit Namen Heinz, habe ich mich verleiten lassen, zwei, drei Gläser mitgetrunken, zwei, drei Lieder mitgegrölt. Oder vier, acht, zehn? Nein, es war immer derselbe Schnaps, immer dasselbe Lied: I don’t want to change the word, I’m not looking for a new england, I’m just looking for another girl. Diese raue Stimme brannte wie Schnaps die Gurgel den Gehörgang rein. Jedenfalls, als ich in der Nacht darauf erwachte, zitterten die Wände wie die Hände einer alten Frau, wenn sie vom Bankomat kein Geld bekommt, schwankte mein Bett, kam die Decke runter wie eine pulsierende Walfischmageninnenwand, war mir, als ob sich mein Schlafzimmer auf einem in Seenot geratenen Schiff befände. Das also machte Schnaps gemischt mit Billy Bragg aus mir, ein desolates, schwankendes Subjekt, dem die Augen zitterten, dem der Gleichgewichtssinn, diese Luftblase in der Wasserwaage Kopf, komplett versprudelt war? Ein taumelndes, torkelndes Bewusstsein? Ein in Haut gefüllter Brei?

Ab einem gewissen Alter ist das Leben wie ein Spiegel, man entdeckt nichts Neues mehr, erinnert sich und blickt zurück – vor allem bei Gerüchen und Musik. Dieser Billy Bragg nun, dieser durch den Punkkakao gezogene Woody Guthrie, mit seiner tiefen englischen, in hunderten Pubs wundgesungenen Bergarbeiterstimme, brach mit seinen meist nur von einer E-Gitarre begleiteten, im nachhinein vielleicht auch etwas plumpen Agitpropliedern in mich ein wie die Gewerkschaft in eine jahrelang ausgebeutete Arbeiterschaft. Ja, man kann die Welt verbessern und man kann darüber auch noch singen. Ja, man kann die Welt verbessern, indem man sogar nur davon singt, sonst braucht man nicht mehr viel zu tun. Die Arbeit, diese mir weithin unbekannte Tätigkeit von Menschen, die Schnaps tranken und Häusln bauten, kann man getrost den anderen überlassen. Eine ziemlich verlockende Perspektive für einen 17jährigen milchbartgesichtigen Schüler, der von allen Seiten hört: Reiß dich am Riemen – und nicht weiß an welchem. Man kann mit Musik die Welt ändern. Jeder, der Billy Bragg hört, dachte ich damals, muss ein guter Mensch sein. Das war meine Wahrheit.

Billy Bragg? Einer, der sich nicht kaufen lässt von der Musikindustrie, nicht auf Mtv zu sehen ist, nicht nur singt, sondern sich auch einsetzt, demonstriert, verhaftet wird. Ein Vorbild, die Punk-Variante von Hannes Wader oder Bettina Wegener. Einer, der das soziale Engagement lebt. Dort, wo er ist, ist Revolution. Zwei, drei Jahre später hab ich dann hoffnungsfroh ein Konzert besucht. Aber wo war die Revolution? Wo die Weltverbesserung? Vielleicht hundert volltrunkene, eingerauchte Jugendliche torkelten herum, hörten ihm nicht einmal zu, wollten auch gar nicht die Welt verbessern, nur Sex.

Zugegeben, seine Lieder sind in etwa so musikalisch wie Fußballfangesänge. Vielleicht zeigt sich an ihm auch die Verlogenheit der Musikbranche, das Problem des gealterten Revoluzzers (Wie kann ein Über-50jähriger noch Billy heißen?), aber trotzdem höre ich ihn noch immer gern, wenn er sein New England grölt, ein Lied, das mir ein halbes Jahr lang Hymne war.
Heute, wo man alles innerhalb von Sekunden aus den Tiefen des Netzes fischen kann, finde ich Billy Braggs Homepage, auf der man nicht nur seine neuesten Lieder hören, sondern auch Tassen und T-Shirts kaufen kann. Dafür ist er nicht fett geworden. Das ist ja auch schon was.

Beatlemania!
50 Jahre Beatles! Wir feiern mit einem sensationellen Bildband von Fans für Fans, mit Insider-Stories, fantastischen Fan-Fotos, Dokumenten und Faksimiles.

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LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.