Martin Brinkmann: Die Süße des Schmerzes (The Wipers)


Ich war ein junger Mann, der dieses und jenes gemacht hatte, viel war es nicht. Das Abitur hatte ich irgendwie gerade so bestanden. Jetzt war ich Zivildienstleistender. Ich empfand dies als existentielle Niederlage, die nach musikalischer Begleitung verlangte. In den Stücken der „Wipers“ sah ich mein Lebensgefühl bestens ausgedrückt. Alles war melancholisch und düster. Nichts hatte mehr eine positive Bedeutung. Eigentlich war das blödsinnig, doch ich mochte diese eigenartige Süße des Schmerzes! Und so schob ich mein silbernes Wägelchen durch den Speisesaal, deckte die Tische auf, deckte die Tische ab, ein langhaariger, ewig verkaterter Zivildienstleistender auf Spiekeroog, der die Sonne fürchtete, der den Abend erwartete, um auf seinem Zimmer die „Wipers“ zu hören und seinen traurigen und wütenden Gedanken nachzuhängen. Die handelten meist von meinen Ex-Freundinnen. Wegen der einen war ich immer noch betrübt, mittlerweile eher aus lieb gewonnener Gewohnheit und nicht, weil es einem tatsächlichen Gefühl entsprach. Wegen einer anderen war ich eher amüsiert: Jetzt, wo ich das Abitur bestanden hatte, wäre ihre Aufgabe erledigt. So lauteten ihre letzten Worte. Meiner Meinung nach wäre ich wegen ihr fast durchgefallen!
Wie jämmerlich auch immer das alles war, beim Hören der „Wipers“ konnte ich das Gefühl entwickeln, an einer großen tragischen Vergangenheit teilgenommen zu haben. Auch, als ich im Winter ganz alleine mehrere Wochen lang das evangelische Gästehaus auf Spiekeroog hütete, als ich kaum mehr zu tun hatte, als hin und wieder nach der „großen Heizung“ zu gucken, hörte ich auf meinem Zimmer unentwegt die „Wipers“. Die hatte ich übrigens durch meinen ebenfalls langhaarigen Vorgänger kennen gelernt. Meine langen Haare mussten in diesem Winter allerdings dran glauben. Seit neuestem eine Frisur wie Jon Bon Jovi tragend, spazierte ich mit dem Werkzeugkasten in der Hand durch die Etagen. Häufig stand ich ganz oben an der Tür zur Feuertreppe und starrte in den weißen Garten hinunter.

Was ich über die „Wipers“ wusste, war nicht gerade viel. Der Sänger und Gitarrist hieß Greg Sage. Die anderen Mitglieder wechselten ständig. Die „Wipers“ galten als erste Grunge-Band überhaupt oder so. Jedenfalls zeigten sich „Nirvana“ von ihnen beeinflusst. Ich kannte nicht alles von ihnen, ein paar Kassetten hatte ich mir aufnehmen lassen. Zunächst haute mich die Wucht von „Is this real?“, 1979 erschienen, um. Ein Dutzend melodischer Punk-Songs, keiner länger als dreieinhalb Minuten, heftig rockend, rotzig vorgetragen. Lieder mit so schönen Titeln wie „Potential Suicide“, „Don’t know what I am“ oder „Window Shop for Love“ schienen mich zu bestätigten.

Auf die Dauer kamen mir aber die folgenden Alben mehr entgegen. Die verdüsterte Freundlichkeit von „Youth of America“ etwa, ein Album, das mit dem titelgebenden Song das genaue Gegenteil des vorherigen musikalischen Programms enthielt: eine sich endlos wiederholende, kopflos-wütend voraneilende, depressiv-erleuchtete Hymne von über zehn Minuten Länge. Keine Ahnung, was Greg Sage der amerikanischen Jugend eigentlich mitzuteilen beabsichtigte. Gewaltiger noch bewegten mich die Verzweiflung und der Aufruhr, die der Titelsong von „Over the Edge“ herausschrie, ein vor Protestgestus berstendes Stück Punkgeschichte. Mit „No one wants an Alien“ enthielt das Album auch eine wunderschön traurige Midtempo-Ballade, die ich nicht oft genug hören konnte.

Meist überwogen fortan aber die monotonen, düsteren Songs, immer wieder mit seltsam lichten Stellen aufwartend. Wenn die „Wipers“ nicht gelegentlich unangenehme Rückfälle in Rock `n‘ Roll-Strukturen erlitten, schlugen sie vor allem diese zeitfremden, sich im Sphärischen ergehenden Klänge an. Für mich war das eine gute Gelegenheit, meinen erinnernden Gedanken Schärfe zu verleihen.

Seit Tagen schon war der Fährbetrieb eingestellt. Die Insel war eingefroren, von Eis umschlossen. Die Temperatur blieb weit unter null Grad. Alles war auf eine interessante Weise erstarrt. Ein Polterabend fand statt oder so etwas. Jemand rannte mit einer brennenden Unterhose als Fackel um die „Stranddistel“ herum. Irgendwann machte ich mich auf den Heimweg. In der Zwischenzeit hatte es frisch geschneit. Eine dichte weiße Decke lag auf den Dünen, verbarg den Weg vor mir. Mehrfach kam ich vom Dünenpfad ab, fiel in den Schnee. Erst, als ich im Dorf ankam, bemerkte ich die Helligkeit, die mich umgab. Überall der viele Schnee, in den Straßen, auf den Dächern der niedrigen Inselhäuser, in den Gärten, auf jedem Ast.

Alles sah gleich aus. Jeder Weg führte in eine weiße Ferne hinein, an deren Ende sich andere weiße Wege auftaten, an eingeschneiten Gärten entlang führend, deren friedliche Eintracht mich mit einem Mal zu ängstigen begann. War ich noch betrunkener, als ich gedacht hatte? Wieso eigentlich fiel ich alle paar Meter in den Schnee und rappelte mich trotz zunehmender Lustlosigkeit immer wieder auf? Der Gedanke, dass ich in dieser ganzen weißen Pracht und Stille, die um mich herum war, sterben könnte, wenn ich nicht bald herausfinden würde, wo ich mich befand, versetzte mich in mäßige Unruhe.

Nirgendwo brannte Licht in den Häusern. Ich war allein, von Schönheit umgeben, einer Gefahr ausgeliefert, die ich mir selbst beschert hatte. Wenn ich Jahre danach die „Wipers“ hörte, ging ich wieder durch diese winterliche Inselnacht.

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Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.