HARTMUT POSPIECH: FREUND HEIN ODER WIE MIR EIN IDOL MEINER JUGEND ABHANDEN KAM


Nie vorher oder nachher hat eine deutsche Platte bei mir so viel Eindruck hinter¬lassen wie Monarchie und Alltag von Fehlfarben. Das Cover mit dem Werbeplakat auf der tristen Brandmauer eines Mietshauses und das Zitat von Raymond Chandler auf der Rückseite rockten, und gegen die Musik hörten sich auf einen Schlag die Krautrocker, die bis dahin die deutsche Pop-Musik bestimmt hatten, triefnasig an.

Monarchie und Alltag gab mir den Glauben, daß deutscher Pop smart sein konnte und so gut wie alles, was aus England oder Amerika kam. Ob das noch Punk war oder schon Ausverkauf, weil die Platte beim Großkonzern EMI herauskam, war mir völlig egal. Auf einmal konnte jeder den neuen Geist spüren, der in die Musik gefahren war, und jeder wußte, daß die Musik danach nicht mehr dieselbe war.

Und als mir dann auch noch einer der DJs meiner Provinzdisko am Ende einer langen Nacht erzählte, daß Fehlfarben auf ihrer kommenden Tour dort spielen würden, da schien auf einmal alles möglich: die Überwindung der Provinz in der Provinz.

Aber die Tour kam nie zustande, denn Sänger Janie J. Jones alias Peter Hein stieg aus. Man raunte, daß ihm die ganze Chose zu kommerziell geworden war. Statt sich ausverkaufen zu lassen, arbeitete er für Xerox, eine Kopiererfirma, was irgendwie cool klang. Die restlichen Fehlfarben machten weiter schöne Platten, die aber nie an den Erstling heranreichten. Ich verbrachte Jahre meines Lebens damit, über Zeilen zu grübeln wie: Dann stehst du neben mir / und wir flippern zusammen / Paul ist tot, kein Freispiel drin, versuchte, die existentialistische Botschaft zu entschlüsseln, die darin stecken mußte. Erst zwanzig Jahre später las ich, daß Paul der Name des Flippers im Ratinger Hof war, wo sich die Düsseldorfer Punk-Szene traf.

Und dann kam eine Lesung im April 2008, die ich mit organisiert hatte. Als Hauptact des Abends war Peter Hein eingeladen. Weil der ja ein Buch heraus¬gebracht hatte, und Musiker, die Bücher rausbringen, kommen meistens gut bei Lesungen an. Weil die Leute, die die Musik gut finden, wissen wollen, was der Mann so schreibt.

Peter Heins Buch hieß: Geht So, und dieser Titel machte mich mißtrauisch. Ich fand darin einen Abschnitt über Hamburg: Hein beschwerte sich, daß man im Karoviertel nirgendwo frühstücken konnte, und daß Hamburg deswegen ganz schön scheiße sei. Als Hamburger wollte ich Peter Hein zurufen: »Mensch, Peter, da hättest du mal jemand fragen sollen. Nur fünfhundert Meter weiter, im Schanzen-viertel, gibt es so viele Frühstücks-Gelegenheiten, daß du drei Jahre brauchst, bis du alle durch hast, aber du mußt ja unbedingt dahin gehen, wo es kein einziges Café gibt, das morgens aufhat.« Aber dann klappte ich das Buch einfach wieder zu, und erwartete eine mittelmäßige Lesung.

Als Peter Hein unter großem Applaus auf die Bühne gerufen wurde, beschwerte er sich bei den Moderatoren darüber, daß er als »ehemaliger Sänger der Gruppe Fehlfarben« angekündigt wurde, obwohl von den anwesenden zweihundert Zuschauern mindestens die Hälfte nur deshalb da war, weil sie den ehemaligen Sänger der Fehlfarben hören wollte.

Danach ließ er sich, in einen grünbraunen Anzug gekleidet, in einen Sessel sinken und putzte erstmal die beiden Autoren herunter, die vor ihm gelesen hatten. Er habe von ihnen vergeblich Rock'n'Roll erwartet, nun müsse er den Rock'n'Roll selbst liefern. Dann begann er zu lesen. Einen Text mit einem Intro, das jeder Lektor sofort ersatzlos gestrichen hätte.
Darauf folgte eine punktlose Anekdote von einer Reise zu einem Fehlfarben-Auftritt in Hamburg, bei der es den Citroen eines Bandmitglieds zerlegte, weshalb die Band fast zu spät kam.
Hein schien immer tiefer in seinen Sessel zu versinken, immer deutlicher stachen mir seine roten Socken ins Auge, die nicht zu seinem Anzug paßten, immer weiter reihte er die uninteressanten Details seiner Geschichte aneinander. Nach etwa einer Viertelstunde verließen die ersten Gäste den Saal, aber ich als Mitveranstalter blieb eisern, denn als Mitveranstalter muß man ein Vorbild sein und darf nicht einfach rausgehen, nur weil einem einmal ein Text nicht gefällt. Aber mit jeder Minute wurde deutlicher, was ich nicht wahrhaben wollte: der Text, den Peter Hein vorlas, war grottiges Pennäler-Schüleraufsatz-Geschreibe und deutlich das Schlimmste, was ich seit langem gehört hatte (und ich habe einiges gehört).

Ich hielt trotzdem durch, denn ich war Mitveranstalter. Weitere Zuhörer verließen kopfschüttelnd und mit entnervtem Gesichtsausdruck den Saal. Ich beneidete sie, weil sie einfach so gehen konnten, während ich aushalten mußte, wie Peter Hein entsetzlichen Quark vorlas.

Er schien gar nicht zu merken, was er da tat. Ich vermutete, daß es ihm sogar Spaß machte, das Publikum aus dem Saal zu lesen, daß da der alte Punk-Geist sein Haupt erhob: Ein Konzert ist nur gut, wenn man Leute vergrault. Peter Hein war bestimmt überzeugt, es den Spießern mal wieder so richtig gezeigt zu haben. Der Mann hatte anscheinend nichts dazugelernt, gefiel sich in einer Punk-Pose, die vor dreißig Jahren etwas bedeutet hatte, heute aber nur noch penetrant wirkte.

Die Tortur dauerte lange. Mittendrin erwähnte Peter Hein jammernd, daß ihn die Firma Xerox nach rund dreißig Jahren vor die Tür gesetzt habe, und ich dachte gehässig: ›Hättst ja bei den Fehlfarben bleiben können, dann hättest du vielleicht Ausverkauf betrieben, aber wärst jetzt nicht so ein Globalisierungsverlierer und auch kein beschissenes Arschloch, das seine ranzigen Ansichten arrogant vor sich herträgt.‹

Inzwischen verließen Zuhörer in Gruppen den Saal. Peter Hein endigte endlich mit seinem Text, und ich war erleichtert, daß es nun vorbei war. Aber da kündigte er noch einen weiteren Text an. Schon nach wenigen Sätzen war klar, daß dieser Text genau so schlecht war wie der davor. Da war es mir auf einmal scheißegal, daß ich Mitveranstalter der Lesung war, ich verließ den Saal, trank vor der Tür ein Bier und lästerte hemmungslos. Noch ein knappes Drittel der Zuschauer, so wurde mir hinterher berichtet, war anwesend, als Peter Hein die Bühne verließ.

Ich habe seitdem Monarchie und Alltag nicht mehr gehört.

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LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.